Liebeskummer tötet

Angestrengt versuchte ich, meine Gedanken zu ordnen und alle Gedanken an ihn zu verdrängen. Aber es funktionierte nicht. Dafür war er zu lange in meinem Leben gewesen. Ich schaute auf ein Bild von ihm, dass ich als Einziges noch nicht weggeworfen hatte. Es stand auf meinem Fensterbrett, in einem wunderschönen goldenen Rahmen mit unseren eingeritzten Namen: Emily & Nick. Es regnete draußen, und das machte es mir noch schwerer, nicht zu weinen. Auf dem Boden meines Zimmers lagen einige zusammengeknüllte Taschentücher. Was sollte das? Wieso gab es überhaupt dieses Wort Liebe, wenn am Ende sowieso alle enttäuscht waren? Naja, bei irgendeinem muss es ja geklappt haben. Nur bei mir natürlich nicht. Immer bei mir ging alles schief. Mir lief eine Träne über die Wange. Und ab diesem Moment wusste ich, dass mich das alles hier doch trauriger machte, als ich es mir eingestehen wollte. Ruckartig stand ich auf und zog meine Jacke an, die noch von vorgestern unordentlich über meinem Stuhl hing. Ich brauchte jetzt ein wenig frische Luft. Ohne mich von meinen Eltern zu verabschieden, verließ ich das Haus und lief hinaus in den Regen. Der nasse Sand unter mir hatte sich von den Schauern in den letzten Tagen dunkel gefärbt und blieb an meinen Schuhen kleben. Ich wusste nicht, wo ich hin wollte. Am liebsten hätte ich bei Nick geklingelt, aber dafür war es jetzt zu spät. Ich stellte mir vor, wie alles hätte sein können.
Meine Knie wurden plötzlich ganz weich und ich bekam leichte Bauchschmerzen, sodass ich mich auf eine Bank setzte. Sie war nass, aber meine Klamotten trieften sowieso schon. Wahrscheinlich würde ich in den nächsten Tagen krank werden, aber das war mir egal. Ich brach in Tränen aus. Ich versuchte nicht einmal, sie zu unterdrücken, aber selbst wenn ich wollte, ich hätte es nicht geschafft. Bei diesem Wetter würde niemand außer mir auf die Idee kommen, raus zu gehen, deshalb fühlte ich mich nicht einmal beim Weinen gestört, wie sogar zu Hause manchmal. Ich konnte meine Gefühle einfach herauslassen und musste nicht darüber nachdenken, was andere denken würden. Trotzdem hielt ich meine Hände schützend vor mein schmales, blasses Gesicht. Ich weiß nicht, wie lange ich dort saß, aber irgendwann hörte der Regen auf und die Sonne kam mild hinter einer weißgrauen Wolke zum Vorschein. Ich fasste einen klaren Gedanken und stand auf. Das Laufen fiel mir so schwer, dass ich befürchtete, zusammenzubrechen. Ich lief wie von Zauberhand geführt den Weg aus Pflastersteinen entlang, vor dem wir als kleine Kinder immer gewarnt wurden. Ich hatte das Gefühl, meinen Körper nicht mehr ganz kontrollieren zu können und es fühlte sich alles so unwirklich an. Ich lief immer weiter und registrierte gar nichts mehr. Mir wurde erneut flau im Magen, weil ich einfach nicht verstand, was gerade passierte. Ich lief über Wege, die aussahen, als wären sie ewig nicht abgelaufen worden, über Brücken und durch unbekannte Gassen. Irgendwann fand ich mich auf einer riesigen Wiese wieder. Hohe Gräser umgaben mich. Ich drehte mich langsam um.
Das war also der Ort, der uns verboten war? Weiter hinten konnte ich einen alten Metallzaun erkennen. Ohne zu zögern ging ich auf ihn zu und ließ meine Hände über dessen Rost gleiten. Die eiserne Absperrung war an einigen Stellen sehr verbeult, es sah aus, als wäre ein Auto gegen ihn gefahren. Teilweise fehlten sogar Metallstücke. Was für ein merkwürdiger Ort… Wieder musste ich mit den Tränen kämpfen. Um mich abzulenken, ließ ich nochmals meine Blicke in der Umgebung schweifen. Ich erkannte, dass hinter dem Zaun ein ziemlich altes Warnschild auf der Erde lag.
Wie hatte ich das nur übersehen können? Aber warum? Vor wem oder was sollte hier denn einmal gewarnt werden? Und wieso hatte man hier einen Zaun gebaut? Nach langer Überlegung ging ich einen weiteren Schritt auf den Zaun zu und stieg durch ihn hindurch. Dahinter erstreckte sich der Rasen noch soweit das Auge reichte. Der Wind wurde allmählich stärker und wieder kullerten einige Tränen über meine Wangen. Ich musste Nick endlich vergessen! Sollte er doch glücklich werden mit seiner neuen Freundin! Eiserne Wut brannte plötzlich in mir und ich begann, vor mich hin zu reden, wie ich es immer tat, wenn mir eine Situation zu Kopf stieg. Bis mein Handy klingelte und der lustige Klingelton von Nick und mir ertönte. Wir hatten damals das Kino verlassen und uns so über den Film gelacht, dass wir uns aufgenommen hatten, weil es so dämlich klang. Und diese Aufnahme hatte ich mir als Klingelton eingestellt. Sonst hatte ich mich immer darüber gefreut, jetzt ärgerte ich mich noch mehr, weil ich vergessen hatte, ihn zu ändern. Deshalb drückte ich den Anrufer einfach weg, ohne genau zu gucken, wer eigentlich anrief. Verdammt, ich brauchte Nick! Ich konnte und wollte nicht akzeptieren, dass er jetzt mit ihr weg war. Mit ihr, Angelique. Ich hasste sie. Es klingelte schon wieder. Bestimmt war es meine Mutter, die sich schon wieder um mich sorgte, weil ich ohne ein Wort das Haus verlassen hatte. Erneut drückte ich, ohne auf das Display zu schauen, auf „Auflegen“. Mit einem Mal ertönte ein schrecklich lauter Knall und ich erschrak fast zu Tode. Da war mir sicher war, dieses laute Geräusch war von weiter vorne gekommen, setzte ich vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Ich lief einige Zeit.
Dann erkannte ich eine Schlucht! Das Geräusch war also ein Felsbrocken gewesen, der sich von dem Rest der Steinklippe gelöst hatte und heruntergefallen war. Ich kam noch ein paar Meter näher und blickte hinunter. Und dann war da dieses merkwürdige Gefühl. Dieses Gefühl von fehlender Freiheit. Ich trat einen Schritt näher an den Rand der Klippe heran und dachte nach. Wieder breitete sich diese Trauer in mir aus, auch diese Leere kam wieder zum Vorschein. Sollte ich es machen? Wäre es eine gute Idee? Tränen quollen aus meinen bereits geschlossenen Augen und ich breitete die Arme aus. Ich fühlte mich, als würde ich fliegen können. Fliegen! Ich wollte immer schon fliegen… Noch einen weiteren Schritt ging ich auf den Rand zu. Und noch einen. Gleich war ich da. Und dann würde ich von all dem Kummer auf dieser Welt befreit sein. „Emily! Verdammt, was machst du denn da?!“ Erschrocken öffnete ich meine Augen und nahm eine unauffällige Position ein. Ich hörte jemanden näher kommen. Die Stimme hatte ich nicht erkennen können, weswegen ich betete, dass es nicht meine Eltern waren, die mich mehrmals versucht hatten, anzurufen, und mich dann suchen gekommen waren. Ich traute mich nicht, mich umzudrehen, und wartete einfach auf den Moment, in dem mich jemand an der Hand nehmen und mich zur Rede stellen würde. Und genau so kam es auch. Eine starke Hand legte sich in meine und zog mich zu sich. Ich drehte meinen Kopf und schaute in das Gesicht von… NICK! Mein Herz schlug schneller und mein Atem ging ungleichmäßig. „Nick? Was machst du hier?“, fragte ich ihn in einer komischen, viel zu hohen Tonlage. „Ich hatte doch versucht, dich anzurufen! …Es tut mir alles so unendlich leid. Das mit Angelique war ein totaler Fehler.“ „Und du glaubst, ich verzeihe dir jetzt? Einfach so? Nick, ich brauche dich nicht. Und ich will dich nicht. Nicht mehr.“ Verdammt, was sagte ich da? Ich sah, wie seine Augen rot und nass wurden und sein Mund sich traurig verzog. „Obwohl…“, fügte ich nach kurzer Zeit hinzu und ein kleines Lächeln erklomm mein Gesicht. Auch Nick lächelte jetzt wieder ein wenig und drückte mich ein näher an sich heran. Dann legte er langsam seine Lippen auf meine und küsste mich.

Isabella