T-Rex mit Chilli – Aufführung des „Erdbeben von Chili“ von Heinrich von Kleist

Oder: Warum tust du mir das an?

Mit sonorem Pochen schlägt meine Stirn sanft in gleichmäßigem Takt gegen das Fenster des Busses, in dem ich gerade sitze, mein Blick ist starr und leer. Ich dachte eigentlich, dass ich in meinem Leben bereits die absurdensten Dinge gesehen habe, doch was ich gerade erleben durfte, setzt die Maßstäbe neu an.

Ein als Baum getarnter Deadpool, ein kochender T-Rex und eine blutdürstige Karla Kolumna auf einer Bühne? Das klingt eigentlich als hätten RTL und KiKa ein Kind gezeugt, ist jedoch in Wirklichkeit die Inszenierung einer unwirklich scheinenden Welt in den Köpfen einiger Jugendlicher, gebaut auf dem Fundament „Das Erdbeben in Chili“ von Heinrich von Kleist.

Binnen Minuten wird hier ein Priester der nach dem Erdbeben neue Sänger für seinen Chor sucht, zu einem romantischen, psychopathischen Spion, während das rot flackernde Licht nur so in den Augen brennt und eine Meute unter lauten „wir sind das System“-Rufen eine hysterisch schreiende Frau aus dem Raum drängt.

Klingt konfus? Ist es auch! Das Stück betitelt sich als „post-dramatisch“ und die mitgereichte Definition auf dem Programmheft lässt uns wissen, dass dieses eine Form des Theaters ist, die „[…] sich vom traditionellen Sprechtheater abgrenzt und auf die Welt der elektronischen Medien reagiert, indem sie sich anderen künstlerischen, darstellenden und medialen Genres und Techniken öffnet.“

Die technischen Möglichkeiten wurden mehr als ausgeschöpft. So fanden neben einigen Bildern einer brennenden Stadt auch eine Live-Telefonverhandlung um den Verkauf einer Ziege, sowie ein Ballett tanzender Mann in einem aufblasbaren  Dinosaurier Kostüm welcher per Youtube eingespielt wurde ihren Weg auf die Bühne.

„Was ist Zufall? Was macht der Zufall mit den Geschehnissen? Und wo tritt der Zufall überhaupt auf?“ waren Fragen, die im Stück problematisiert wurden. „Was zur Hölle passiert hier?“ stand den Zuschauern ins Gesicht geschrieben. „War das alles Zufall?“ Sicherlich nicht. Die Verwirrung war mit das wichtigste, was dieses Stück auszeichnete, sodass es zeitweise nötig war, in großem Maße Baldrian zu kippen, um nicht unter der Last von Reizüberflutung zusammenzuklappen.

Nach der Aufführung erzählt mir der erfolgreiche Granatapfelbaumdarsteller Chris, dass ihm die Rolle aufgrund der sich in der Mottowoche befindenden Probe und seinem entsprechenden Deadpool-Kostüm spontan zugeworfen wurde. So durfte er letztendlich, wörtlich „den Granatapfelbaum tanzen“.

Doch nicht nur das, auch als lebender Klumpen Mett welcher von einem wutentbrannten Zauberkoch mit dem Fleischklopfer gejagt wird konnte er sich beweisen.

Screenshot (37)

Allgemein wirkte das Ganze mehr oder weniger „recht spontan“, aber genau das war es, was das Stück so unberechenbar und lustig gemacht hat. Vieles wirkte improvisiert und war so inszeniert das man dachte es sei nur eine Probe, so zum Beispiel als sich eine Reihe von Darstellern ins Publikum setzten, um Popcorn zu essen.

Was hier erschaffen wurde, verdient höchsten Respekt und Anerkennung. Ich wurde eine gute Stunde aufs Beste unterhalten – durch die Kreativität und den unerschöpflichen Willen der Darsteller wurde ein Stück geboten, welches wohl im Endeffekt nicht nur mir, sondern einer breiten Masse an Schülern, Lehrern und Verwandten sehr gut gefallen hat.

„Total toll, ich bin ganz begeistert, wirklich ich bin sprachlos“ – Anne O.

„Du ich fand das richtig, richtig erste Sahne, echt geil du, geil!“ – Martin T.

Screenshot (38)

Eine Rezension von M. Schneller