Die Tulpen scheinen mir nicht echt – eine Begegnung mit Gregor Gysi am Gemont

Am Donnerstag, den 5. September 2019, ist der populärste Politiker der Linken Gregor Gysi für eine Vertretungsstunde an das Gebrüder-Montgolfier-Gymnasium gekommen und beantwortet Schülerinnen und Schülern Fragen, wobei er ihnen seine Sicht auf die Dinge mitteilt. Herr Gysi ist ehemaliger Schüler unserer Schule und ihr Pate.

„Die Tulpen scheinen mir nicht echt.“ ist der erste Satz, den ich von einem Politiker live und weniger als fünf Meter von mir entfernt je hörte. Ja, genau das Gleiche hatte ich mir zehn Minuten vorher auch schon gedacht, als ich den Raum betreten hatte. Lange Rede, kurzer Sinn, die Tulpen waren tatsächlich nicht echt.

Es gibt Menschen, bei denen man das Gefühl hat, man müsse sich jetzt äußerst vorbildlich verhalten. Gerade bei bekannten Persönlichkeiten empfinde ich das so. Obwohl sie ja eigentlich auch nur Menschen sind.

Kurz bevor Herr Gysi ankam, war ich deswegen unglaublich nervös. Die Kameras, die Beleuchtung, die vielen Leute … Also, eigentlich gar nicht so viele, aber dafür, dass sie alle nur für eine einzige Person da waren, waren es schon einige.

Wie gesagt, ich war sehr aufgeregt. Da Tim und ich uns lange Fragen überlegt hatten, hatte ich Angst, mich zu versprechen oder völlig unsinnige Fragen zu stellen. Mit dem ersten Satz von Herrn Gysi und dank seiner lockeren Art war meine Aufregung jedoch schnell wie weggeblasen.  Ich war einfach nur noch gespannt.

Egal, welche Frage wir ihm stellten, zu jeder hatte er eine Geschichte, eine Idee und einen witzigen Spruch. Das muss man erstmal schaffen. Aber irgendwie ist das ja auch sein Job.

In meiner ersten Frage ging es dann auch indirekt um seinen Job. Ich wollte wissen, ob er, wenn er jetzt noch einmal in unserem Alter wäre, den gleichen Berufsweg gehen würde.

Den Umständen entsprechend, meinte er. Wäre er nicht in der DDR aufgewachsen, wäre er gerne Facharzt für Psychiatrie geworden.

Erst im Nachhinein fällt mir auf, dass es für mich ein völlig unbekannter Beruf ist, über den ich noch nie nachgedacht habe, geschweige denn erwartet hätte, diesen als Antwort von Herr Gysi zu bekommen. Ich ärgere mich immer noch, nicht noch einmal genauer nachgefragt zu haben, wieso er ausgerechnet diesen Beruf auswählen würde.

Eine Antwort blieb mir ganz besonders in Erinnerung. Herr Gysi meinte, Probleme zögen ihn förmlich an. Mir persönlich erschien das ziemlich plausibel. Als Rechtsanwalt kommen schließlich täglich Menschen mit ihren Problemen zu einem und in der Politik häufen sich Schwierigkeiten ja bekanntlich auch. Ich finde jedoch, für einen Problem-Magneten war Herr Gysi sehr lustig, positiv und offen.

An diesem Donnerstag erfuhr ich auf jeden Fall viel über Politik, was in meinem Alltag sonst nicht gerade üblich ist. Klar liest man mal Nachrichten und redet vielleicht ab und zu in der Schule darüber, aber so viel auf einmal ist das sonst nicht.

Zwar meinte Herr Gysi, er wäre noch nie Lehrer gewesen, aber vielleicht sollte er es mal in Erwägung ziehen, wenn er genug vom Rechtsanwaltsdasein hat. Ich lernte jedenfalls bei dieser Begegnung dank seiner nachvollziehbaren und verständlichen Art viel dazu.