Die Geschichte des Gemonts

Von Spitzenpolitikern und Widerstandskämpfern

„Geschichte, vier langweilige Stunden pro Woche in der Schule oder was, das lange her ist oder immer ohne einen passiert.“

Max Herre – Leg dein Ohr auf die Schiene der Geschichte

So denken viele über dieses Fach. Was in meinen Augen jedoch immer die meisten vergessen ist, dass Geschichte nicht nur ein Fach ist. Geschichte existiert um uns herum und muss nicht bei Homo Erectus und den Neandertalern anfangen.

Schule. Das zweite Thema, mit dem nicht unbedingt jeder freiwillig Berührungspunkte hat. Bevor ihr jetzt schon aufhört zu lesen, lasst mich noch den Zusammenhang herstellen. Alles hat eine Geschichte, so auch unser Gymnasium. Das Gemont ist eine Schule, die ebenso berühmte Politiker, wie auch gravierende Ereignisse, beispielsweise die Wende, gesehen hat. Geprägt durch die Schüler und Lehrer entwickelte es sich zu dem, was es heute ist.

Foto: Tim Bielig/Eigene Aufnahme

Begonnen hat alles am 1. September 1956. Gegründet als Grundschule, um die zu klein gewordene am Sterndamm zu ersetzen, wurde die „Schule am Ellernweg“ zur 10. des Bezirks Treptow-Köpenick. Stolz bis zum Mantelkragen, schnitt der erste Direktor Wambach das Band vor dem Haupteingang durch und eröffnete damit die mit 2,5 Millionen DM doch recht teure Schule. Als Vorzeigeobjekt und einer der ersten Schulneubauten Berlins nach dem Krieg, besaß unsere Schule damals nicht nur eine Turnhalle, einen Keller, ein Arztzimmer und einen Hort (ursprünglich vergessen und so später in eine benachbartes Wohnhaus integriert), sondern auch eine in der Lehrer- und Schülerschaft recht beliebte Aula mit kunstvollen Wandmalereien, die jedoch 2006 einer Renovierung zum Opfer fiel. Ihr ehemaliger Standort wird heute durch unsere Turnhalle belegt. Das angesprochene Wandbild ist uns jedoch zum Glück erhalten geblieben. Es wurde von aufmerksamen Bauarbeitern, im Sinne des Denkmalschutzes, vor dem Abriss abgetragen und, nach der Ausschreibung eines Wettbewerbes zur Wiederpräsentation und einer Restauration, im oberen Foyer wieder angebracht.

Die Grundschulprägung sollte die „Schule am Ellernweg“ jedoch nicht lange behalten. Nur wenige Jahre nach der Eröffnung wandelte man sie zur „9. Polytechnischen Oberschule“ um. Dies war eine neueingeführte Schulform der DDR, die ähnlich dem Konzept einer Gesamtschule alle Klassenstufen in einem Gebäude, ohne Auflösung der Klassenverbände von der 1. Bis zur Abschlussklassenstufe beinhaltete. Das tat dem Stolz der DDR auf die Schule jedoch keinen Abbruch, sodass 1961 sogar der damalige Volksbildungsminister des Bruderstaates Kuba, Armando Hart, im Rahmen eines Berlin Besuches auch unsere Schule beehrte.

Doch auch andere prominente Gesichter kann unsere Schule vorweisen: Zur damaligen Zeit besuchte auch ein inzwischen international bekannter Politiker unsere Schule. Gregor Gysi, ehemaliger Vorsitzender der Links Partei, saß damals schon in den Räumen, in denen auch ihr heute noch büffelt. Manche erinnern sich noch an die Zeit und beschreiben unsere Schule als damals grau und trist, der Arbeiter und Bauernstaat sah das anders (auch wenn ich die eben genannte Meinung, aufgrund des Mangels an Farbfotos heute und Hausfarbe in der DDR damals, nicht revidieren kann, Grüße an die Mangelwirtschaft) und verpasste der Schule gleich noch einen neuen und ersten richtigen Namen: Hertha Geffke, eine ehemalige Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus und Politikerin, wurde als Namensgeberin für die 9. POS, ab 1973, eingesetzt.

Anmerkung: „Als Mitglied der Zentralen Parteikontrollkommission war Geffke in den 1950er Jahren für stalinistische Säuberungen in der SED mitverantwortlich.“(https://de.wikipedia.org/wiki/Herta_Geffke), Der Einsatz ihres Namens, für die Schule am Standort Ellernweg 20 ab 1973, darf man durchaus in Bezug zu den Ereignissen an der Schule 1968 sehen (siehe folgender Text).

Regelmäßiger Werkunterricht gehörte zum Schulalltag damals ebenso dazu, wie Arbeitseinsätze im Patenbetrieb VEB Kühlautomat (die heutige Industrieruine am Segelfliegerdamm, in der Nähe des Landschaftsparks Johannisthal/Adlershof). In der DDR hatte übrigens jede Schule einen Patenbetrieb, in dem Schüler ihr Unterrichtsfach PA (= Praktische Arbeit) absolvierten.

Foto: Tim Bielig/Eigene Aufnahme

Von der Zeit zwischen Anfang der 70ger bis Ende der 80ger Jahre weiß man nicht viel, das Schulleben nahm mehr oder weniger seinen gewohnten Lauf. Auf ein besonderes Ereignis möchte ich jedoch noch zu sprechen kommen:

Das Jahr 1968 stand im Zeichen des Prager Frühlings, einem Volksaufstand in der damaligen Tschechoslowakei. Zusammen mit den anderen sozialistischen Staaten schickte die DDR-Truppen, um diesen gewaltsam niederzuschlagen. Um zumindest symbolisch die Rückendeckung des Volkes zu haben, wurden Lehrkräfte aller Schulen, wie auch an unserer, genötigt eine Resolution zu unterschreiben, die dieses Vorgehen guthieß. Viele weigerten sich und wurden dafür vom Direktor und dem Schulrat vorgeladen und für ihre Meinung mit den Nationalsozialisten verglichen. Wer sich trotzdem weiterhin noch weigerte diesen Einmarsch zu unterstützen, wurde fristlos entlassen oder Strafversetzt. Die Begründung: „Die betroffenen Lehrkräfte seien für den Staat nicht mehr tragbar“. Nach der Wende 1990 wurde sich bei den betroffenen Pädagogen zwar entschuldigt und ihnen die Rückkehr in ihren Beruf wieder ermöglicht, die freie Meinungsäußerung jedoch, war an der Schule am Ellernweg ab 1968 praktisch nicht mehr vorhanden.

Die Wende brachte auch für unsere Schule viele Umbrüche. Unter anderem wurde das als überholt deklarierte POS Schulsystem abgeschafft und unsere Schule zu einem Gymnasium mit französischem Kontext und ebenso französischen Namen „Philippe-Cousteau-Oberschule“ (ein französischer Naturfilmer). Die damalige Schulleiterin durfte 1993 diese Umwidmung zusammen mit der Tochter Custeaus vollziehen. Das Haus B, welches bereits zu DDR-Zeiten gebaut wurde, gehörte jedoch damals noch nicht zum Gymnasium. In ihm befand sich zum damaligen Zeitpunkt noch eine Fachhochschule für soziale Berufe namens Sala Kochmann.

Nachdem 2005 festgelegt wurde, dass das Gymnasium mit der Ernst-Friedrich-Oberschule zusammengelegt werden sollte, gab es Kontroversen, welches von beiden erhalten werden sollte. Man entschied sich für den Standort am Ellernweg. Viele Lehrer wurden übernommen, Haus B integriert und die Schule bis 2008 umfangreich saniert. Custeau flog raus, Französisch blieb und heraus kam das frischgebackene Gebrüder-Montgolfier-Gymnasium. Zu dieser Zeit wurde unser Gymnasium zu dem, was es heute ist, mit all seiner Vielfältigkeit und Prägung.

Der Name unserer Schule wurde von Frau Nastarowitz vorgeschlagen, die zur Wiedereröffnung, am 31. Januar 2007, dafür auch eine Rede halten durfte.

2017 wurde unsere Schule sogar zur Pilotschule in Berlin und erneut umfangriech modernisiert. Wir erhielten die vergleichsweise gute technische Ausstattung, wie die Ipads, die Smartboards, Beamer und vieles weitere. Sogar der regierende Bürgermeister Müller, war zum Abschluss der Arbeiten vor Ort. Einen Artikel dazu findet ihr auch bei uns. Bleibt nur noch die Frage, was in Zukunft bei uns passiert.

Foto: Tim Bielig/Eigene Aufnahme

Und, klebt schon der Staub der Geschichte an euren Fingern? Noch nicht? Dann schaut doch mal zu der Bronzestaue mit den zwei Kindern und dem nicht mehr vorhandenen Drachen und Flugzeug (abgerissen kurz nach Eröffnung der Schule) oder hinter Haus B in die Büsche, wo ihr auf einem Betonblock noch den Hinweis auf den Namen des ehemaligen Oberstufenzentrums finden könnt. Tretet ein in die „Pforten der Bildung“ und überlegt, wer schon alles vor euch in diesen Klassenräumen saß. Vom Spitzenpolitiker über Bürgermeister und Magistratsleiter bis hin zum kubanischen Bildungsminister war schon alles dabei. Und wer weiß, vielleicht bist du ja das nächste prominente Gesicht des Gemonts?

Tim, 11. Jahrgang

Ein großer Dank geht an Frau Griesche, Frau Fraikin und Herrn Schwartz, für Anmerkungen und Beratung

Foto: Tim Bielig/Eigene Aufnahme