Bahnfahrt ins Nichts

Regen klatscht gegen die Scheiben. Graue Scheiben vom Dreck undurchsichtig. Graue, kahle Ecken. Kalt ist die ganze Bahn.

Die Bahn gibt Geräusche von sich. Ein Rattern, ein Gurgeln; dann gleitet sie elegant in die nächste Kurve. Das Verbindungsstück wird auf der einen Seite aufgezogen wie ein Akkordeon; auf der anderen zusammengezogen, gequetscht. So schlängelt sie sich in die nächste Straße.

Die nächste Haltestelle wird angesagt. Die Scheibenwischer in der Fahrerkabine gehen an. Hin, her, hin, her. Alles ist grau, nass und kalt. Die Bahn quietscht, zischt und steht. Schweigen deckt sich über die Bahn. Niemand bewegt sich, niemand sagt etwas. Alle warten darauf, dass die Bahn in die Kurve und zur nächsten Haltestelle einbiegt. Niemand wagt es ohne die Geräusche der Bahn etwas zu sagen. Man will sie nicht verärgern.

Die Bahn zieht wieder an. Es ruckelt; dann bewegt sich der Mann vor mir. Er steht auf, nimmt seine große, blaue Ikea-Tasche und wackelt im Rhythmus der Bahn zur Tür. Das Tempo wird gedrosselt. Die Geräusche der Bahn schwellen noch einmal an. Stopp. Rotes Licht blinkt. Öp, öp, öp, öp… Die Türen gehen auf. Jetzt stehen auch zwei andere Fahrgäste auf. Sie tragen beide einen Turban; der eine mit einer gelben Nettoplastiktüte in der Hand, kommt an mir vorbei. Die Leute steigen ein und aus. Nein, als erstes aussteigen, dann einsteigen! Eine große Frau mit enger Jeans und dünnen, blonden Haaren steigt ein und setzt sich auf den Platz, auf dem bis eben noch der Mann mit dem Turban gesessen hat.

Dann blinkt wieder rotes Licht. Ein Zischen, ein Ruckeln und wir fahren wieder. Ich sehe durch die grauen Scheiben, dass die Leute ihre Regenschirme rausholen und aufspannen. Gelbe, schwarze, gepunktete… Sie haben Angst zu zerfließen. Arm dran ist der ohne Schirm. Er muss seine Kapuze aufsetzen, aber wagt er es dieses hässliche Ungetüm hochzuklappen, das den Kopf ganz unförmig aussehen lässt? Eher zerfließt er mit dem Regen. Er fließt den Gulli hinab, in die kalte, dreckige Kanalisation Berlins.

Ein Bahnhof, gerade fertig geworden, kommt in Sicht. Schöne, glatte, neue Backsteine wurden aufeinandergestapelt und ein Graffito wurde bereits mit roter Farbe angebracht: Bettnässer *Herz*.

Wir kommen wieder in eine Kurve; das Akkordeon spielt und der Scheibenwischer tanzt. Die Regentropfen klatschen. Ein Mann kommt im Rhythmus der Bahn den grauen Gang entlang. Ein grünes Ungetüm verdeckt sein Gesicht. Dann ist er vorbei, nach hinten.

Die nächste Haltestelle wird angesagt. Die Bahn rattert die Schienen entlang. Dann wird sie in ihrer Fahrt wieder durch eine unhöfliche Ampel gestört. Sie zischt und: Schweigen. Habe ich gerade im Schweigen ein Geräusch gehört?

Die Ampel auf der Gegenseite wird grün. Die Autos rasen vorbei; Wasser spritzt auf. Die Bahn brummt, surrt. Ein genussvolles Aufseufzen, als sie wieder anfahren darf. Rattern, ruckeln. Eine gerade Strecke vor uns. Die Bahn wird schneller. Dann kommt die nächste Haltestelle. Niemand drückt auf „Stopp“; die Haltestelle ist verlassen, leer. Niemand wartet. Die Bahn wird kurz langsamer. Will irgendwer raus? Zu spät: es ruckelt wieder.

Die Bahn vibriert; mein Körper vibriert. Die nächste Haltestelle wird angesagt. Meine Begleitung fragt etwas. Sieht dann wieder auf ihr Handy. Die große Frau mit den blonden, dünnen Haaren sieht auf ihr Handy. Sie steht auf.

Auf einmal wird unsere Bahn langsamer. Aber wir sind noch nicht an unserer Haltestelle. Draußen ziehen langsam die dunklen Läden an uns vorbei. Alle sehen aus den Fenstern. Versuchen durch den Dreck, den Regen, das Grau zu erkennen, was unsere Bahn aufhält. Ein orangenes Licht im undurchsichtigen Grau des Regens, der Scheiben. Dann Finger, die auf einen Wagen vor uns deuten. Die Scheibenwischer gehen an. Durch sie hindurch erkenne auch ich das orangene Licht und den orangenen Wagen, der gemächlich vor uns herschleicht.

Die Bahn brummt und knurrt. Autos zischen an uns vorbei. Wir wollen auch mitfahren, mitrasen, mitmachen. Endlich: dort vorne die verlassene Haltestelle. Meine Begleitung macht den Rucksack auf. Kramt schon nach dem Schlüssel. Reißverschlüsse werden zugezogen; Regenschirme werden rausgeholt, Handys werden verstaut in Jackentaschen und Rucksäcken. Alle stehen auf und gehen zu den Türen im Gleichschritt mit der Bahn. Das Akkordeon spielt nicht mehr, aber der Regen klatscht noch. Rote Lichter blinken noch und öp,öp,öp: die Türen gehen auf, als die Bahn schweigt.

Menschen strömen in den Regen. Ich hinterher auf den dunklen Bordstein, auf die verlassene Haltestelle. Alle bewegen sich nach vorne, an den Anfang der Bahn. Nun kann man auch das orangene Tier beobachten, wie es immer noch langsam auf unserer Strecke dahinfährt und unsere Bahn aufhält.

Ich bewege mich im Strom zur Ampel. Alle bewundern das große Tier, das nun weiterfährt. Die Bahn zischt und sie quietscht ein letztes Mal auf den Schienen. Dann tuckert sie weiter und die Menschen laufen davon.

Für einen Moment hatte ich vergessen, wo ich hingehe, wo ich herkam. Für 10 Minuten saß ich mit meinen Begleitern zusammen und habe vergessen, dass ich allein unterwegs bin. Ich habe vergessen, wo ich hinwollte und was ich dort tun würde. Genau wie die Andern: Nichts.