Eindrücke der großen Podiumsdiskussion zum Konflikt in der Ukraine vom 1. Juni 2022

Ein Kommentar

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Ich hatte nicht vor, diesen Artikel zu schreiben, als ich mich letzten Mittwoch zur Podiumsdiskussion in unserer Schule aufmachte. Eine Diskussion zum aktuellen Ukraine-Krieg war angekündigt worden: Input; Informations- und Meinungsaustausch. Was erwartet man von einem Abend mehr?

Zudem erhoffte ich mir, meine Fragen beantworten zu lassen und endlich den Ukraine-Krieg politisch, gesellschaftlich, ökonomisch … einordnen zu können. Möglicherweise auch einmal eine andere Seite zu hören.

Haus A, 2. Etage, Kammermusiksaal. Zwischen Chemie- und Musikräumen liegt dieser „Saal“. Eine kleine Bühne; zwei Eingänge: links, rechts; Stühle hoch gestapelt an den Seiten. Musikinstrumente stehen überall herum und lassen den Raum in seiner Größe schrumpfen. Trotz der hohen Fenster dringt durch die heruntergelassenen Jalousien nur wenig Licht herein.

Es wurden ein paar Stühle mitten in der Mitte des Raumes, direkt vor der Bühne aufgebaut. Bisher sitzen nur vereinzelt Schüler_Innen da und unterhalten sich. Snacks werden rumgereicht; die Technik muss gecheckt werden. Ein Tisch mit Laptop und Kabeln steht vor der Bühne.

Von dem Laptop aus läuft die Präsentation, die auf eine Leinwand am rechten Rand des Podiums projiziert wird. Daneben stehen zwei weitere Tische. Sie sind sich leicht zugewandt. Auf ihnen befinden sich mehrere Wasserflaschen, Gläser und Kekse. Der linke Tisch ist für unsere heutigen Moderatoren reserviert; der rechte für den Osteuropaexperten.

Es ist gegen 17 Uhr; ein paar Leute sind noch eingetroffen, aber die Runde bleibt wohl privat. Bekannte Klänge ertönen: „Stefania“ vom Kalush Orchestra; der diesjährige ESC-Sieger. In Anbetracht der politischen Lage in dem Land muss man sagen, dass dies auch ein politisches Signal der Menschen sein könnte: wir stehen auf der Seite der Ukraine.

Aber wieso? Und wie kann sich diese Unterstützung noch äußern? Reicht es, seine Ablehnung des Krieges als Staat zu erklären oder ist man auch in der Pflicht, durch Waffenlieferungen aktiv Hilfe zu leisten? Muss man Russland aufgrund des begonnenen Krieges vollends isolieren und abweisen oder sollte man den Austausch suchen? Kann man auch die russische Bevölkerung für den Krieg verantwortlich machen oder ist es doch „Putins Krieg“? Wie könnte ein Frieden aussehen?

In vier Blöcken nimmt sich diesen Fragen nun ein Osteuropaexperte an.

Gut strukturiert startet die Präsentation. Zuerst kurze Vorstellung: unsere Moderatoren sind Tim und Rika, 11. und 10. Jahrgang; beide bei GemontAktiv, die die Veranstaltung organisiert haben. Und Stanislav Klimovich: Osteuropaexperte an der FU, in Russland geboren. Wir dürfen uns duzen.

Der Abend leitet mich durch die Geschichte, das Geschehen und mögliche Entwicklungen des Krieges. Ein reger Austausch zwischen Publikum, Moderatoren und Gast sorgt dafür, dass wirklich viele Positionen gehört und besprochen werden. Man kann sich in die Rolle eines politischen Flüchtlings aus Russland, eines Flüchtlings aus der Ukraine, einer besorgten Mutter eines russischen Soldaten, eines russischen Bürgers, des russischen und ukrainischen Präsidenten, eines Ukrainers/einer Ukrainerin, eines Russen/einer Russin versetzen.

Ich bin überrascht, wie viel ich noch nicht wusste. Und wie viel ich noch lernen kann. Aber auch welch andere Positionen man sehen muss. Man wird sich bewusst, wie wichtig es ist, sich immer jede Seite anzuhören und nicht jeder Berichterstattung direkt zu glauben. Man wird sich bewusst, dass einen dieser Krieg, so weit er auch weg zu scheinen mag, mehr angeht als man glauben möchte.