Im Dunkeln wartet, was unbegreiflich bleibt

Foto: Paula Ketel (c) 2022

In der interaktiven Romantik-Ausstellung, interagiert in Wirklichkeit das Museum mit dem Besucher

0011010101…Za01000l…Da011e1…Daten…Datenstrom…Datenkrake. Zahlen und Daten, ständiges Messen und Protokollieren, das digitale Zeitalter will jeden Winkel unters Okular nehmen, alles wissen, alles verstehen, doch ist es das, was wir wirklich wollen?

Das neueröffnete Romantik-Museum in Frankfurt lässt uns das in 35 Stationen mit Originalen aus den Sammlungen des Freien Deutschen Hochstifts in Frage stellen. Es zeigt uns einen anderen Weg als den der taghellen Durchleuchtung; einen Weg ins Ungewisse, Verborgene, vorbei an sehnsuchtsvollen Landschaften, durch Märchenwälder, bis tief in das eigene Selbst. Währenddessen sich zeigt: die Romantik kann uns daran erinnern, dass wir längst vergessen haben.

Von außen vollkommen unscheinbar, bietet das weltweit erste Museum, der ganzen Epoche, der ständigen Suche, Rückkehr und Entfremdung, einen Raum, beziehungsweise drei Etagen von verschachtelten Räumen und verborgenen Nischen.

Sanft geleitet von Gemälden verträumter Naturszenen und dann erschreckt von angsteinflößenden Nachtmahren wird Wanderlust zu Fernweh und Fernweh zu Unbehagen zwischen Werken von Caspar David Friedrich, Carl Gustav Carus, Carl Blechen oder Johann Christian Clausen Dahl. Von frommer Märchen-, über suchende Reiseromantik wird der Besucher mit allen Auswüchsen des Romantischen konfrontiert. Hinter schweren Samtvorhängen liegen finstere Kammern, kaum vier Quadratmeter groß. So wird man von der Schwärze der Schauerromantik umschlossen.

Leicht unwohl kann es einem werden, wenn dann die Erzählerstimme einsetzt: „…will ich dich sehen und trinken aus den tausend Quellen. Trinken, bis ich berauscht bin und deinen Tod mit jauchzender Raserei beweinen kann.“ Dabei sind diese Verstecke tückisch. Schneefall auf zwei gegenüberliegenden Monitoren an den Seitenwänden einer langen schmalen Nische, wirken beim Eintreten idyllisch, doch ändert sich das Bild und ein Opernsängern erscheint, mal links, mal rechts von einem, sodass man sich eingekesselt vorkommt, gefangen, trotz oder gerade wegen des hohen, befremdlich wirkenden Gesanges, verführerisch und bannend wie ein heidnischer Fluch.

Doch sind die abgeschatteten Bereiche zugleich dringlich benötigte Zufluchtsorte, wenn die Eindrücke überquellen. Innehalten und reflektieren, das tun, worum es geht: sich mit dem eigenen Sein auseinandersetzten und das in Kunst äußern. So führen ein paar Stufen zu einer gemütlichen Sitzecke, an deren Wänden man selbst dichten kann, mit magnetischen Worten – Anglizismen wie auch Formulierungen, die so klingen, „als hätt der Himmel die Erde still geküsst, dass sie im Blütenschimmer von ihm nun träumen müsst“.

Darin liegt eine weitere Besonderheit, es ergibt sich eine nahezu seelische Intimität im öffentlichen Raum, die gerade durch den indirekten Austausch der Be-Suchenden zunimmt. Man sieht nämlich, was andere vor einem hervorgebracht haben. Ganz im Sinne der romantischen Ironie offenbaren sich alle über die Poesie, geben etwas über sich Preis, doch können sich nicht vollkommen darstellen. Wenn der*die Nächste weiter dichtet, kann nicht gewusst werden wie die vorangegangenen Zeilen gemeint waren, wodurch die Wände eigentlich ein einziges Missverständnis darstellen. Genauso muss es nach romantischem Verständnis sein.

„WIR SUCHEN ÜBERALL DAS UNBEDINGTE UND FINDEN IMMER NUR DINGE.“

Die Stationen gewähren einen synästhetischen Eindruck mit immer wieder kehrendem Anspruch der Universalpoesie. Denn nur im Vereinen von akustisch, musikalisch, visuell, filmischen und haptischen Reizen lässt sich die, auf ihrer Abstraktion gründenden Epoche begreifen.

In jedem Moment der Ausstellung wird klar: es geht ums Wahrnehmen und in sich gehen, einen Weg, der im Museum sogar physisch besteht. Man steigt eine optisch verzerrte, dadurch unendlich wirkende Treppe hinauf und vernimmt ein aufgeregtes Zwitschern, als würde man durch einen Wald spazieren und Vögel hören, die den Besucher in freudiger Erwartung begrüßen und eben diese bei ihm schüren. Ein romantischer Trick, der eine naturnahe Atmosphäre schafft. Denn die Vogelstimmen kommen nicht vom Band, sondern aus einer kleinen goldenen Spieluhr am Ende der Treppe.

Bemerkenswert: das Zwitschern lockt einen hinaus an die Luft und gleichzeitig hinauf, wo man neue Erkenntnisse sucht und eigentlich ins Innere zurückkehrt.

Noch erstaunlicher: retrospektiv stellt man fest, dass die Reise, wie auch das Finden von etwas nicht Greifbaren bereits in vollem Gange war, als man den kleinen goldenen Apparat betrachtet hat. Ein Rädchen an der Seite drehte sich hektisch wie ein flatternder Flügel. Lebendige Maschinen wie sie in E.T.A Hoffmanns „Sandmann“ auftauchen, die gleichermaßen faszinierend wie unergründlich scheinen, haben verschiedene Formen, vielleicht sind Nullen und Einsen eine davon.

– Paula Ketel